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Walle Sayer, Strohhalm, Stützbalken. Gedichte

Klöpfer&Meyer, Tübingen 2013, 116 S., 16 €.

 

 

Ihn als Meister der kleinen Form vorzustellen, seine beeindruckende Wortgenauigkeit zu loben, auf seine erstaunliche Fähigkeit zu verweilen aufmerksam zu machen – ist eigentlich müßig. Walle Sayer gehört zu den bedeutenden Lyrikern unserer Tage, das zeigt allein die Fülle der Literaturpreise, die ihm verliehen wurden, etwa der hochrenommierte Thaddäus-Troll-Preis oder der Ludwig-Uhland-Förderpreis – gerade eben der Literaturpreis der Katholischen Erwachsenenbildung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die ZEIT und das Deutschlandradio widmen der jüngsten Neuerscheinung beachtliche Besprechungen.

Will sagen: Wer ihn noch nicht kennt, muss ihn kennen lernen. Und wer ihn schon gelesen hat, darf wieder Eindrückliches erwarten. Tatsächlich? Was zeichnet Walle Sayer denn so sehr aus, dass empfohlen werden muss, seine Lyrik und lyrische Prosa immer wieder zur Hand zu nehmen – auch ein neues Buch, das die gewohnt kurzen Texte bietet, eben die „kleine Form“?

Zuerst dies: Bei Walle Sayer ist abzulesen, ist zu erlesen, dass die kleine, lyrische Form in Wahrheit eine atemberaubend große ist, indem in wenigen Zeilen Lese- und Lebenswelten erschlossen werden. Seine Gedichte schärfen den Blick für die Tiefe hinter den Dingen: „Am Seeufer // Die Stelle, wo die Umkleidekabine stand. / Ein Bretterverschlag in seiner Verschwundenheit. / Allein das Astloch, das verblieb. / Auf damaliger Kopfhöhe. / In der Rückwand der Luft.“ (30)

Dann: Walle Sayer lässt sich und seinen Gegenständen, die ihm sprechende Gegenüber sind, Zeit. Von poetischer Routine keine Spur. Jedem Gedicht ist abzuspüren, dass es seine Zeit hatte, zu werden und zu wachsen. Sie wollen gleichsam als Stillleben gelesen werden, das Augenscheinliche als zeichenhaft: „Fenstervignette // Ein Eiszapfen / träufelt Augentropfen / in das Starren der Tonne.“ (49)

Und: So genau Walle Sayer schaut und schreibt, er geht den Dingen gerade nicht auf den Grund. Er lässt ihnen ihr Geheimnis, macht sie nicht handhabbar, definiert sie nicht. „Aufgehoben / werden die Dinge / zu Sachen“ (38) – in Walle Sayers Kunst eben nicht. Im Grunde ist es die Haltung des Mystikers, der nicht zuerst begreifen und durchschauen will, der die Erfahrung sucht und die Beziehung: „Schnipsel // Den Apfel vergleichen mit einem Weltentwurf. / Eines Astwerks Krakelschrift entziffern. / Die Windböe hat eine Mähne.“ (11)

Jedes Gedicht ein „Daseinsfunke / eines Augenblicks“ (99) – das muss empfohlen werden!

 

  

Klaas Huizing, Mein Süßkind. Ein Jesusroman, Gütersloher Verlagshaus 2012, 240 S., 19,99 €.

 

Gott bewahre: Ein Jesusroman! Man hat da ja schon mancherlei gelesen: esoterisches Geraune oder frömmelnde Verkündigung, die beide niemand so richtig braucht. Jesusromane sind ein Wagnis, für deren Leser wie für ihre Autoren. Klaas Huizing ist es eingegangen – und was dabei herausgekommen ist, überrascht und ist ausgesprochen lesenswert!

Schon, weil Huizing nicht die (dem einen oder der anderen noch) vertraute Lebensgeschichte Jesu, wie die Evangelien sie berichten, zur Vorlage hat, sondern die Geschichte davor erzählt: Kindheit und Jugend. Und Jesus als der junge Mann, der das Bauhandwerk seines Vaters lernt, der die erste Liebe erlebt, der an sich entdeckt, dass er die Gabe des Wortes und des Heilens besitzt. Dieser Jesus ist etwas widerständig, er lehnt den Vater ab, von seiner Mutter (die ihre Pläne hat) wird er für verrückt erklärt. Thomas Manns Programm für seine Joseph-Tetralogie, die „Humanisierung des Mythos“, findet bei Klaas Huizing ihren feinsinnigen Niederschlag. Dass Jesu Vater der „Gesprenkelte“ heißt, erinnert durchaus daran, und Huizings Ironie ist gewiss beim Zauberer in die Lehre gegangen. Und weil Huizing Humor hat, ist dies kein schwermütig-lastender Jesusbildungsroman geworden. Menschlich-Allzumenschliches lässt sich lesen, und der Autor gibt dem Schalk bis ins sprachliche Detail, bis ins literarische Zitat hinein erfreulichen Spielraum (In Sepphoris wohnt Jesus einem Lustspiel von „Areoplanes“ bei, er baut mit an einer Villa, mit römischem Brunnen darin: „… und fallend gießt er voll der Marmorschale Rund und übergießt sie sacht“. Köstlich!)

Da schreibt ein theologisch hochversierter Literat auf der Höhe unserer Zeit. Der Dialog zwischen theologischer Tradition und (Post-)Moderne ist auch stilbildend: Überraschende Kapitelüberschriften, die der Jahrtausende alten Geschichte scheinbar entgegenstehen und fromme Spracherwartungen enttäuschen („Falsch gewickelt“, „Arche now“, „Jeshua hat den Blues“ u.a.), ziehen das Erzählte in unsere Zeit. Zugleich fügt sich die Geschichte, indem Huizing letzte Sätze und Wendungen vorangehender Kapitel im jeweils nächsten aufgreift – wer mag, kann sich an die „dei“-Figur (dei – Griechisch: Es muss!) des Matthäusevangeliums erinnern lassen.

Diese Geschichte hat tatsächlich ihre Notwendigkeit, Jesus ist ganz konsequent als der Menschgewordene gedacht und beschrieben, mit Brüchen und Umwegen, Verwunderung und Zweifeln. Der Autor lebt mit dem Jesus der Evangelien offensichtlich auf so vertrautem Fuß, dass er seinen Weg dahin plausibel erzählt.

Wie das in Jesusromanen selten geschieht. In diesem schon. Er lohnt das Wagnis, ihn zu lesen. Gott befohlen!

 

 

 
  

Matthias Kehle, Scherbenballett. Gedichte

Klöpfer&Meyer Verlag, Tübingen 2012, 122 S., 16 €.

 

Wer auf Scherben Ballett tanzt, kann das nur leichten Fußes tun, oder mit Bedacht und aufmerksam. Matthias Kehle ist alles andere als ein Leichtfuß, er setzt seine literarischen Schritte mit aller Vorsicht. Oder besser: Einsicht. Denn Kehle lässt sich von dem, was er sieht, hört, wahr nimmt beeindrucken, von dem Wort und der Sprache zuerst, die ihm bemerkenswert zur Verfügung stehen und über die er doch nicht willkürlich verfügt. Fast lakonisch, ab und zu ironisch setzt er ins Wort, was ihm vor Augen ist, und lässt dem Wort doch seinen eigenen Raum. Matthias Kehle lässt sich in die Tiefe führen, wenn er zum Beispiel – überrascht geradezu – im Alltäglichen die Vergänglichkeit spürt: „Am Hang kippt / ein Bauer die übrigen / Nüsse unter den Baum // vom Vorjahr für die Gäste / der Pensionen eingetrocknete / Souvenirs zum Advent // nachts der Albtraum vom / März in dem Astern / blühen statt Narzissen.“

„… mehr nicht als letzte Worte“ heißt es einem Gedicht über die „Großtante nicht verwandt“. Diese Wendung ist bezeichnend für die Lyrik im „Scherbenballett“. Das macht ihre Stärke aus, dass jedes Gedicht, jeder Zyklus so dicht und geschlossen ist (doch nicht ver-schlossen), dass sich beim Lesen der Eindruck fest macht: Hier wird vom Vorletzten her Letztes gesagt, inmitten des Vorfindlichen wird elementar Menschliches benannt. Freilich kommt der Autor nicht mit einem Sinnsystem, einer Botschaft daher (auch das macht ich mir ausgesprochen sympathisch), vielmehr bricht er um (auch stilistisch) und auf. Die wohlvertraute, poetische Tradition etwa: „Wer jetzt kein Haus / hat schließt die Tür“.

Wer Matthias Kehles Gedichte liest, wie sie geschrieben sind: nicht leichtfertig und -füßig, sondern acht- und aufmerksam, wer sich auf seine „Kleine Poetologie“ einlässt: „Ein Gedicht , / ein Moment ohne Unterschlupf“, wird Entdeckungen machen, literarische und mutmaßlich auch bei sich selbst.

 


  

Manuela Fuelle

Fenster auf, Fenster zu. Ein Roman

Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2011, gebunden, 250 S., 19,50 €.

 

Vätergeschichten – gibt’s schon. Kenn ich schon. Aus biblischen Zeiten schon. Braucht es neue? Diese schon! Die Vater-Tochter-Geschichte, die Manuela Fuelle auf 250 unaufgeregten Seiten erzählt, ist eine der leisesten, die ich kenne. Da versammelt sich wenig Pathos, aber viel feinsinnige Beobachtungsgabe. Es ist die Geschichte einer langsamen, geradezu verhaltenen Annäherung; von der Entscheidung, nach dem vielleicht kauzigen, in jedem Fall skuril-eigenen Vater zu schauen bis zur Ankunft vor seinem verschlossenen Gartentor vergeht Zeit, Zeit für Erinnerung, Ärger und Achtung – und am Ende ist nicht ausgemacht, wie die Tochter zu ihrem Vater steht, aber spürbar, was er in ihr bewegt: Staunen eher als Zorn.

Dass es sich bei „Fenster auf, Fenster zu“ um ein Debüt handelt, ist wahr, aber kaum zu glauben. Manuela Fuelle verfügt über eine ganz bemerkenswerte Stilsicherheit, mit der sie Lesende in den Bann ihrer Geschichte zieht. Bis in die Sätze und Wendungen hinein ist zu merken, dass Manuela Fuelle warten konnte, bevor sie schrieb, warten auf die treffenden Worte, die angemessene Sprache. Sie spielt virtuos mit Assoziationen und Zitaten; und der Fluss der Erzählung wird immer wieder markiert durch gebrochene Sätze, die abrupt enden mit „und“, „oder“, „aber“, „als“ – und dazu herausfordern, selbst in die Geschichte einzutreten.

Übrigens schreibt eine evangelische Theologin, Mitarbeiterin der Badischen Landeskirche. Ist das abzulesen? An eingestreuten und an ihrem Ort durchweg stimmigen Zitaten aus der kirchlichen und theologischen Tradition gewiss, noch mehr aber an der Haltung, die die Autorin einnimmt: Sie erzählt als Beteiligte, als Sprechende und Angesprochene zugleich, und sie erzählt „von Herzen“. In der biblischen Menschenlehre aber ist das Herz der Ort der Geheimnisse, und ein Geheimnis bleibt er, der Vater, und die Autorin lernt mehr über sich selbst als über ihn. Was doch, wenn es mir als Leser genauso ergeht, ein Buch gut macht. Es ist schon ein reifes, ein gutes Buch, und ...

 

 
   

Walle Sayer,

Zusammenkunft. Ein Erzählgeflecht.

Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2011, 224 S., 19,50 €.

 

Es ist ein Unterschied zwischen Sehen und Schauen, die Frommen wissen das: Den Himmel sehe ich, die Himmlischen muss ich schauen. Die Irdischen auch. Walle Sayer schaut und erschaut die Tiefe dessen, was vor Augen ist („Sag statt Boden Erdreich, schon stehst du woanders.“, 163).

Das „Erzählgeflecht“ präsentiert eine Auswahl früherer Veröffentlichungen und zehn neue Texte, allesamt Miniaturen, die aber alles andere als literarischen Minimalismus bieten. Der aufmerksame und mit einer bemerkenswerten sprachlichen Phantasie begabte Autor beherrscht die Kunst des Verweilens. Er schaut die Dinge, die Menschen, die Ereignisse an, pflegt Erinnerungen und Eindrücke – und entdeckt dabei im Kleinen die Größe, erkennt Wert und Würde der Einzelheit und des Einzelnen: der Jungen etwa im „Kindheitskaleidoskop“ (75-108). Da schreibt einer, der gelernt hat, achtsam zu schauen, der sich nicht „das Einfache zu leicht“ macht. Er kann, was er beschreibt „so stehen“ (21) lassen, gibt dem „Augenblick“ sein Recht. Und dies nicht ohne Ironie, aber voller Sprachwitz.

Im Naheliegenden kommen immer wieder die existentiellen Fragen zum Vorschein: „Wovon lebst du, ist immer die erste Frage. Nie will jemand wissen, wofür. Es geht, sage ich, und verschweige wohin.“ (29).

So sind diese kurzen, der Lyrik anverwandten Prosatexte nie nur Deskription (Sehen), sondern immer auch Inspektion (Schauen). Wer sie liest, muss seinerseits verweilen, braucht Zeit für dieses Buch, einen Augenblick Zeit zum Schauen.

 

 

 

Thomas Alexander Staisch,

Heinrich Pommerenke, Frauenmörder. Ein verschüttetes Leben.

Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010, 344 S., 22.- €.

 

 

Ein furchtbar gutes Buch! In diesem Sinne: Furchtbar – muss es sein: Wie könnte ein Buch, dass Heinrich Pommerenke, den „Grauenmenschen“, zum Thema hat, nicht erschreckend und aufwühlend sein? Das aber nicht nur, weil seine Taten berichtet werden („Alles ist erzählt“), vielmehr, weil Thomas Staisch die nicht minder bedrängende Geschichte der Entwürdigung eines Menschen nachvollzieht. Staisch wagt das Plädoyer für den Mörder, ohne voreiliges Verständnis, aber ohne aus den Augen zu verlieren, dass auch dem „Scheusal“ Menschenwürde zu eigen ist. „Sie suchten einen Mörder und fanden einen Menschen“, das mag für den Autor selbst gegolten haben.

Achtsam schreibt Thomas Staisch von dem, was Pommerenke fühlte (oder eben nicht), was ihn im Laufe seines „verschütteten Lebens“ prägte und veränderte. Der Fühllose wurde religiös, der Sprachlose eignete sich religiöse Sprache an; sein treuester Freund war ein pensionierter Pfarrer; es wird kein Zufall gewesen sein, denn an diesem Leben stellen sich die Fragen nach Schuld und Vergebung, Menschenwürde und Menschen(ver)achtung in aller Schärfe.

Ein furchtbar gutes Buch! In diesem Sinne: Gut – ist es geschrieben: Obschon es Dokumentation sein will, liest es sich wie ein Roman. Nicht nur, weil das Leben selbst die besten (und furchtbarsten) Geschichten schreibt, sondern weil es dem Autor mit großem literarischem Geschick gelingt, die Komplexität einer Menschen-Mörder-Lebensgeschichte gelten zu lassen und transparent zu machen. Dabei helfen Zitate und eine fast auf die Spitze getriebene Redundanz, die eindringlich und erhellend wirkt. Wer liest, kann sich nicht entziehen. Dieser bedrängende Beitrag zur Diskussion um die Sicherheitsverwahrung von Sexualstraftätern ist notwendig. Furchtbar notwendig.

 

 

Christine Langer,

Findelgesichter. Gedichte.

Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010, 116 S., 16.- €.

 

 

Findelkinder sind bedauernswerte Wesen. Sie werden ausgesetzt, müssen gefunden werden, und wenn es gut geht, werden sie irgendjemandes Mündel. „Findelgesichter“ sind von anderer Art: Sie lassen sich finden, wenn sich jemand Eindrücken aussetzt, und weil es gut geht, findet sich ein Mund, sie auszusprechen.

Sehr gut geht’s bei Christine Langer. Sie bringt, was sie sieht, was in ihr Gesichtsfeld gerät, zur Sprache, und tut das nicht zuallererst deutend und bestimmend, sondern beeindruckt. Sie lässt dem Vor-Gefundenen das eigene Gesicht. Darum haben diese Gedichte etwas Hymnisches, sie besingen und besagen mehr, als dass sie zu beschreiben und zu begreifen suchen: „Hinhören ist ein anderes Wort für Hineinwachsen“(Hasenspuren).

Wer sich auf die „Findelgesichter“ einlässt, wächst in eine Haltung hinein, die aufmerksam lauscht, bevor sie spricht. Und wenn die Dichterin dann spricht, ist sie ergriffen, darum ist jedes dieser Gedichte fern von Idylle und Klischee, aber nah an der Begeisterung: „Eine Tulpe einen Arm weit entfernt eine Tulpe“(Die Tulpe). Indem sie mit Stilmitteln wie dem häufigen Zeilensprung, der gelegentlichen Alliteration oder einer spielerischen Redundanz schreibt („Der kühle Lufthauch der Hauch / Des kühlen Windes“, Die Straßenlaternen) nimmt Christine Langer Leserinnen und Leser in ihr eigenes Staunen hinein.

Ihre „Lust am Schauen“ (Neun Arten Grün) bewährt sich nicht allein (oder bloß?) an der Natur, an Tulpe, Raps oder Weidenkätzchen; auch die im Gedicht doch eher schnöden Dinge: kalter Kaffee und Industriegebiet, Bandscheibe und Oldtimer erfahren ihre eigene Würdigung, werden gesichtsfähig. Selten genug, dass Worte wie „Handy“ und „Coca Cola“ in Gedichten stimmig sind – hier durchaus, und da kommt dann selbst der „Jüngling der ein Mädchen liebt“ (Das Industriegebiet) nicht auf dem Hinkefuß daher.

Diese „Findelgedichte“ also: ein Fund! Der schauen und staunen hilft, denen, die es wagen, sich begeistern zu lassen.

 

 

Nina Jäckle,

NAI oder was wie so ist. Erzählung.

Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010, 92 S., 14.90 €.

 

Schmale Bücher lese ich eigentlich nur zwischendurch (außer Lyrik, die ist immer eher in den schmalen Bändchen versammelt), zur Erholung gleichsam, zwischen zwei dicken Schinken. Und da muss ich dann immer etwas vorsichtig sein, damit ich dem Büchlein mit weniger Seiten auch gerecht werde, denn wenig Papier heißt noch lange nicht: weniger Inhalt. Schmal ist nicht: Schmalspur!

Wer sich davon überzeugen will, muss Nina Jäckles Buch lesen. Es ist – auf knapp 90 Seiten – ein großer Wurf, etwas sehr Kostbares und Seltenes. Nai ist ... ich weiß nicht wer („Und ein Junge ist Nai nicht, und ein Mädchen ist Nai nicht, und das tut nichts zur Sache“), jedenfalls einer, der mit ganz ungeteilter Aufmerksamkeit durch seine (Sprach)Welt geht, mit kindlicher, unverstellter Aufmerksamkeit. Er findet die „allerschönste Frau“, er begegnet dem Tod, der „ein heikles Thema“ ist; er kommt mit der „Unachtsamkeit“ ins Gespräch, mit der „Einzigartigkeit“ und mit dem „Monolog“, muss sich mit „Naizwei“ und „Naidrei“ auseinandersetzen. Sie merken schon, das ist ein „sehr meisterhaftes Abenteuer“, das Nai da erlebt – und es ist, für Leserinnen und Leser, die sich darauf einlassen möchten, ein „sehr meisterhaftes“ Sprach-Abenteuer. Nina Jäckle schreibt in ganz neuer Weise vom Gewohnten und Vertrauten („Weil Nai ein Auge gut gebrauchen kann, hat Nai zwei Augen. Eine einzige Nase hingegen ist vollkommen ausreichend. Das hat sich nach reiflicher Überlegung und wiederholter Anwendung und während vieler Jahrhunderte herausgestellt, dass Nai auf zwei Beinen und im aufrechten Gang sehr gut vorankommt“). Die Autorin zwingt, das Altbekannte anzusehen, als sei es gerade erst geworden oder entdeckt; sie bewirkt damit viel mehr als einen Verfremdungseffekt, sie nötigt mit dem Medium einer frischen, frechen, verschmitzten Sprache dazu, neu zu sehen. Nina Jäckle schreibt im besten Sinne des alten Wortes „witzig“, und doch nur scheinbar naiv. Ihr Sprachwitz ist niemals unernst.

Ich bin sicher: Es ist ein Buch, das Sie entweder lieben werden oder ganz verschmähen. Es fordert von geneigten Leserinnen und Lesern, geneigt zu sein, sich einzulassen, sich überraschen, verblüffen zu lassen. Ich kann dazu nur raten, denn: „Ohne Abenteuer kommt keiner lange aus ... Das ist so eins zwei“.