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Was sind das für Zeiten?

Ansprache zur Kundgebung „Pro Demokratie“, Harsefeld, 8.8.26

Liebe Freudinnen und Freunde,
„Was sind das für Zeiten?“ – fragte Bertolt Brecht sich und seine Leserinnen und Leser im Jahr 1934, in seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“. Da waren die Nazis an der Macht, seit über einem Jahr, und die Zeiten waren finstere. Heute, über 90 Jahre später, sind wir die Nachgeborenen, die Generationen danach – und heute stellt sich diese Frage genauso: „Was sind das für Zeiten?“

Schwierige, schwer durchschaubare, herausfordernde Zeiten sind es allemal: Kriege sind vom Zaun gebrochen worden, aus Machtgier und Größenwahn und politischem Kalkül, immer mehr Menschen hungern und dürsten, haben keinen Zugang zu Nahrungsressourcen und sauberem Wasser, es fehlt an medizinischer Versorgung, Millionen sind auf der Flucht, Menschenrechte und Menschenwürde stehen nicht hoch im Kurs, Kinder werden missbraucht, Frauen gehandelt, Männer gefoltert, queere Menschen verfolgt, Rassismus und Antisemitismus sind hier und da schon wieder salonfähig geworden. Gletscher schmelzen, Wälder brennen, Flüsse trocknen aus. Und unsere Demokratie ist gefährdet; laut, sehr laut wird gesägt an ihr. Von rechts wird gehetzt und gebrüllt und zu viele Menschen leihen den Weidels und Höckes ihr Ohr.
Verzeihen Sie, wir haben das ja alles schon gehört, das ist seit Jahren leider nichts Neues mehr – und wer davon spricht, wer aufzählt, was die finsteren Zeiten finster macht, läuft Gefahr, zu langweilen, zu ermüden, und von den Dingen zu sprechen, die wir nur schwer ertragen und die wir manchmal nicht mehr hören können. Es sind finstere, es sind schwer erträgliche Zeiten.

Ach, verdammt – es könnte doch ganz anders sein; wenn die Menschen doch bloß ein bisschen toleranter, ein bisschen aufmerksamer wären. Sind sie aber nicht.
Ach, verflucht – es könnte doch alles viel friedlicher sein; wenn die Menschen einander etwas mehr liebten und achteten. Tun sie aber nicht.
Ach, Menschenskind – es könnte doch alles viel menschlicher sein; wenn die Menschen sich die Hände reichten, über alle Grenzen hinweg. Wollen sie aber nicht.
Es könnte anders, friedlicher, menschlicher sein – es könnte. Das ist im Konjunktiv gesagt, in der Möglichkeitsform. Es könnten bessere, hellere Zeiten sein, sind es aber nicht.

Bertolt Brechts Gedicht hat eine Fortsetzung: „Was sind das für Zeiten?“ schreibt er, „wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“
Das „Gespräch über Bäume“, das Brecht nicht ohne Sympathie nennt, das ist die Idylle, die heile Welt, ist die Möglichkeitsform, die so tut, als sei sie schon wirklich. Brecht mahnt: Nicht dadurch, dass ich behaupte, die Welt könnte ein friedlicherer Ort sein, wird sie es auch. Das fromme Wort, der gefühlvolle Apell, das freundlich-sehnsüchtige Lied, die machen aus finsteren Zeiten keine hellen, die rühren wohl an die Herzen, aber nehmen den Kriegstreibern nicht die Waffen aus der Hand, vertreiben die Antidemokaten nicht aus der politischen Landschaft
Ich frage, mit Bert Brecht, noch einmal: Was sind das für Zeiten?
Es sind anstrengende Zeiten, solche, die uns manchmal ratlos lassen, es sind herausfordernde, für viele auch beängstigende Zeiten, es sind Zeiten, die wir uns nicht wünschen, in denen viel Unrecht, viele Untaten geschehen, die wir schwer ertragen.

Das ist wahr. Doch vor allem, aber an erste Stelle – sind es unsere Zeiten!

Machen wir uns das doch klar, liebe Freundinnen und Freunde, die Vergangenheit, die uns zu lernen aufgibt, die Gegenwart, die uns herausfordernd, die Zukunft, die wir gestalten sollen, die sind unser, die gehören uns. Es fühlt sich oft genug anders an: Die Rechten scheinen über uns hereingebrochen, ohne unser Zutun, die Kriege haben wir ja nicht angezettelt, was können wir gegen elende Armut und schamlosen Reichtum schon tun? Stimmt das so? Ich kann es nur für mich selber sagen: Ich hatte mich in unserer Demokratie wohlig eingekuschelt und sie für selbstverständlich gehalten, ich habe die AfD und die rechte Hetze lange nicht ernst genommen und dachte, das wird sich schon richten; und ich dachte, wenn ich nur liberal und tolerant bin, reicht das schon. Ich habe die Zeit, unsere Zeit aus den Händen gegeben und sie denen überlassen, die sie verdunkeln, die sie braun und blau färben möchten.
Das geht nicht mehr.
Es sind unsere Zeiten, wir dürfen uns unsere Zeit nicht stehlen lassen! Es gibt ja welche, die es versuchen, die uns sozial-medial zukleistern, die Unwahrheiten streuen und lügen, dass alles so viel schlechter geworden sei und mit ihnen wieder besser würde, die uns die Zeit rauben mit einfachen Wahrheiten und deutschtümelnden Lösungen, die ernst zu nehmen eigentlich die Zeit doch viel zu schade ist.

Was sind das für Zeiten? Es sind entscheidende Zeiten – und da ist es gut zu wissen, unsere Zeit gehört gar nicht denen, die sie an sich reißen möchten, den Menschenverächtern, den Homophoben und Fremdenfeindlichen, den Gewaltbereiten und Autoritären. Denen gehört sie nicht, sie ist unser, sie ist die Zeit der Demokratinnen und Demokraten, der Friedfertigen und Konfliktfähigen, der Menschenfreundlichen und Respektvollen.
Wozu uns Brecht da verhelfen mag, das ist ein neues, nachhaltiges Selbstbewusstsein. Zum Beispiel: Das Volk! Nicht die, die schreien, sie wären es, sind’s auch. Wir sind’s – in all unserer Buntheit, unserer persönlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Vielfältigkeit. Zum Beispiel: Deutsch-sein. Nicht die, die so eng begrenzen, wer dazu gehört und wer nicht, sind’s auch. Wir sind’s – mit unserem Bewusstsein für unsere Geschichte, mit dem Wissen, dass wir als Deutsche Europäer sind. Zum Beispiel: Macht-haben. Nicht die haben sie, die sie gerne haben möchten, um sie zu missbrauchen für ihre Ideologie und für sich selbst. Wir haben sie – denn alle Macht geht vom Volke aus, von uns, von denen, die Gespräche suchen, in denen es um Lösungen geht und nicht um Rechthaberei, die streiten können, ohne verletzen zu wollen, die schweigen können, wenn Schweigen am Platz ist oder sie nichts zu sagen haben – die aber laut sind, wenn Unrecht geschieht.
Was sind das für Zeiten? Es sind unsere Zeiten.

Bitte, lassen Sie uns die in die Hand nehmen, selbstbewusst und aufmerksam. Carpe diem – nütze den Tag; nützt die Zeit, die euch gegeben ist, heißt es – Sie erlauben: in der Bibel.  Das ist nicht nur ein guter Rat, das ist ein Zuspruch: Unsere Zeit, die können wir gestalten, menschenfreundlich und wahrhaftig. Nicht: Wir könnten – nein: Wir können.
Dann tun wir es doch!
In seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“, sehnt Bertolt Brecht die Zeit herbei: „wenn es soweit sein wird / dass der Mensch dem Menschen ein Helfer (eine Helfer*in) ist.“ Dass es so weit komme, dafür haben wir Hände, Hirne und Herzen, am besten wir gebrauchen sie, heute, in diesen Zeiten.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


erst auf lage

erschienen vor bald
fünf und sechzig jahren
in denkbar geringer
stück zahl mit festem
ein band
eine zweite aus gabe
ist nicht vorgesehen
warum auch

immer hin haben
einige gelesen darin
und seiten um
geblättert die ich
nicht kannte

(für thomas lardon und FIRST EDITIONS, unveröffentlicht)


Widerworte

Mein Favorit ist: „Halt die Fresse, Prediger“, aber „Tat die Impfung zu sehr weh oder wieso schreibst du so behindert?“ ist auch nicht von schlechten Eltern. Und wie achtsam die anonyme Dame (glaube ich) mit Menschen mit Behinderung umgeht, erschließt sich dabei auch recht unverhohlen. Eine berufliche Perspektive eröffnet: „Wenn Sie an einer Uni mehr als den Müll heraustragen müssen, würde ich mich sehr wundern.“ Und fürsorglich klingt doch: „Opa, nimm bloß deine Pillen, du redest wirres Zeug.“ Dass „Gendern ein germanistischer Schluckauf ist“ diagnostiziert ein anderer Zeitgenosse – und für manche oder manchen bin ich ganz verloren: „Armer hirn- und ahnungsloser Volldepp“! (Nur nebenbei: Ich habe die Kommentare der gültigen Rechtschreibung angeglichen …)

Die haben aber einen Punkt, denn ich war wirklich so blöd, zu glauben, facebook würde sich für einen gesellschaftlichen Diskurs, eine politische Stellungnahme eignen. Bescheuert! Das wusste ich schon mal besser. Insofern geschiehts mir ja gerade recht. Und dann habe ich – ich muss es eingestehen – auch noch gegendert („Demokrat*innen“). Da darf ich mich nicht beschweren.

Was passiert ist: Ich habe einer guten Bekannten, Aktivistin in einem „Bündnis für Demokratie“, deren Sorge um unsere Demokratie, um Menschenwürde und deren Infragestellung von rechts ich teile, in einem Post meine Solidarität erklärt. Offensichtlich war das eine kaum zu entschuldigende Provokation: 509 Menschen haben mit Emojis reagiert; darunter gerade mal 62, die mir zugestimmt haben (aber immerhin), die Mehrzahl hat mich mit wenig erfreulichen Gesichtchen bedacht.

Und 217 Kolleg*innen (sorry, ich kanns nicht lassen) fühlten sich zu Kommentaren bemüßigt. Für mich ein echter Rekord – so viel Rückmeldung war nie und noch nie bin ich in so kurzer Zeit (etwa einem Tag) so häufig beleidigt worden! In den letzten Jahrzehnten eigentlich nie, da war wohl Nachholbedarf.

Nun wissen die eifrigen Kommentatoren und Kommentatorinnen wohl nicht, dass es gar nicht so leicht ist, mich zu beleidigen oder zu ärgern. Zum einen: Was ich da zu lesen bekam, prallt so ziemlich an mir ab, weil die Leute mich tatsächlich überhaupt nicht kennen, von meiner Geschichte, meinen Überzeugungen, meinen Leidenschaften keine Ahnung haben. Die wütenden Freund*innen sagen sehr viel mehr über sich selbst und ihre Diskursfähigkeit als über den, der sie so aufgeregt hat. Sie werden es mutmaßlich nicht einsehen.

Zum anderen: Was mir bei diesem shitstorm (war es wohl, oder?) wirklich hilft und mich die unflätigen Beiträge mit Ruhe lesen lässt, ist die Tatsache, dass es neben diesen Beleidigungen und Schimpfereien noch andere Worte zu hören und zu lesen gibt. Eine Kommentatorin irrt ganz ausgesprochen darin, dass die, die meine Solidaritätsadresse nicht teilen, in der Mehrheit seien. In ihrer bubble vielleicht, gewiss nicht im Großen und Ganzen unserer Gesellschaft und Kirche. Das ist doch gut so. Und sollte so bleiben.

Darum gilt es, nicht beleidigt, aber sensibel zu sein. Wahrzunehmen, wie die Sprache im öffentlichen Diskurs verroht – auch im kirchlichen Kontext habe ich das schon erlebt.

Darum gilt es, Widerworte zu setzen, nicht zu schweigen, sondern Worte wie „Solidarität“, „Würde“, „Mit-Leiden“, „Respekt“ ins Feld zu führen und sie den Schreiern und Hetzerinnen entgegenzuhalten. Die Literatur hält dafür einen weiten, tiefen Wortschatz bereit. Als Theologe höre ich auch: „Sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund“. Das ist eine Bitte aus der katholischen Eucharistiefeier – und der liturgisch Angesprochene hat Worte für uns, die wert sind, erinnert und ausgesprochen zu werden: „Was ihr einem meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr mir getan“, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“; „Trachtet zuerst nach Gottes Reich und seiner Gerechtigkeit“. Ich bin mir nicht sicher, ob wir damit die Hetze und den Hass zum Schweigen bringen – aber Widerworte sind gesetzt und können nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Wider-Worte, die den Wortlosen, Sprachlos-Gewordenen eine Hilfe sind. Die zusprechen, dass niemand in seinem Verletzt-Sein von den unsäglichen Reden, ihrem Verstummen im Lärm der Vorurteile und Hetzereien allein ist.

„Tu deinen Mund auf!“ heißt es im biblischen Buch der Sprüche …

Gut, auf facebook mache ich das vielleicht nicht mehr, ich muss meine eigene Geduld ja nicht über Gebühr auf die Probe stellen und den nächsten shitstorm riskieren. Aber sonst: Gibt es Gelegenheiten genug!
(unveröffentlicht)


die felder sind bestellt
doch
sie sind nicht geliefert worden
wir müssen
sie abholen

die pläne sind gezeichnet
mit
wunden und vom langen zittern
wir müssen
sie heilen

die brücken sind geschlagen
nun
krümmen sie sich im schmerz
wir müssen
sie trösten

(in: Aus einer geschützten Ecke heraus lässt du den Raum entstehen. Utopische Dichtung der Gegenwart, hg.v. Björn Hayer, Gans Verlag, Berlin 2026, S. 130)


ich habe dich schweigen
gesehen mit
der schönsten
deiner stimmen mit der
roten der hellen die durch
alle wände strahlt die

meine räume füllt
mit licht und
laut

in: vor wort, 2022


Aus dem Vorwort von „Gespräche über Bäume. Gedichte zur Demokratie“, hg.v. Hubert Klöpfer und Thomas Weiß, Kröner Verlag Stuttgart 2025:

Lyrik ist ein Ort. Der Ort, an dem Unsägliches ausgesprochen werden kann, an dem versucht wird, das Unsagbare in Worte zu fassen. Darum ist Lyrik nicht nur ein Format, in dem eben auch geschrieben werden kann, nicht nur eine Methode im Literaturbetrieb, die sich der einen mehr, dem anderen weniger erschließt. Lyrik ist eine Haltung. Als Lyriker und Lyrikerin die Welt zu beschreiben, heißt, sie als unverfügbar und zukunftsoffen zu verstehen, sich ihr bescheiden und neugierig zu nähern.

Diese Haltung steht sehr im Gegensatz zu der rechtspopulistischen Behauptung, es sei doch alles ganz einfach und auf ein paar Wahrheiten und Sündenböcke zu reduzieren. Lyrik reduziert nicht, sie verdichtet; Lyrik kommt nicht mit eingängigen Parolen daher, sondern fordert von sich (und ihren Leserinnen und Lesern) die Mühe, nicht gleich Antworten zu haben, sondern sich für Antworten auf den Weg zu machen und Gespräche zu führen.

Dichter und Dichterinnen schaffen, um mit Umberto Eco zu sprechen, „offene Kunstwerke“, die erst zur Vollendung kommen, wenn sie gelesen, gesprochen, gehört werden – um neue Möglichkeiten des Verständnisses und der Interpretation hervorzulocken. In der modernen, zeitgenössischen Lyrik ist es wie in anderen Künsten: Es gibt über Bilder, Melodien, Gedichte keine Deutungshoheit, auch nicht des Autors, der Autorin, des Tonsetzers oder der Malerin. Ein Gedicht verstehen – das gelingt nur in einem gemeinsamen Prozess, im Dialog zwischen Dichter und Leserin, das Gedicht braucht und will den Dialog. Das Gedicht fordert also: die demokratische Haltung, eine Haltung des Respektes, der Lernbereitschaft, der Konfliktfähigkeit.

Wenn Gedichte, Dichter und Dichterinnen den Dialog, das Gespräch brauchen – brauchen sie dann auch das „Gespräch über Bäume“?

Heutige Dichtkunst ist, wenn sie sich selbst ernst nimmt, immer Dichtung nach dem Völkermord an den Herero und Nama, nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach Vietnam, nach 9/11, dem 24. Februar 2022 und dem 7. Oktober 2023 – sie ist Dichtkunst im historischen, politischen, gesellschaftlichen Kontext. Und als solche wird sie gebraucht.

Für diese Anthologie erbeten wurden Beiträge zu einer politischen Lyrik im Kontext der aktuellen politischen Situation. Gemeint sind nicht „Gedichte mit Botschaft“, die moralisierend oder mit erhobenem Zeigefinger daherkommen, keine „plakativen Parolen“, sondern die lyrische Reflexion, die Antwort von Lyrikerinnen und Lyrikern auf die gesellschaftliche Herausforderung von Rechtsextremismus und Rechtspopulismus (und ihrer Sprache). Es geht um Lyrik „im Kontext“.


mein herzrasen
braucht im frühling
neues saat gut
und das moos
muss ich entfernen
damit die herz
haut wieder atmen
kann steine lese ich noch
sie haben neue
geschichten vom winter

in: im wort laut, 2019


Auch nach seinen unbeschwerten Kindertagen ist bei Herrn G. die Lust geblieben, Verstecken zu spielen. Nur liegt ihm jetzt nicht mehr so viel daran, nicht gefunden zu werden.

aus: Geschichten vom Herrn G., 2013


Hilf mir die Sätze bauen aus Bruchholz. Wir können es im Winter sammeln und nach dem Orkan. Da ist es geeignet, da liegt es nicht lang – da kann es noch sprechen, schweigt es nicht. Erzählt vom Baumbestand der Dinge, vom Brausen in der Nacht, und von der Stille, die sich in die Winden birgt. Du kannst sie noch hören, wenn du den Schallringen, den jährigen, lauschst.

Vom Licht auf der Rückseite des Mondes sehen wir nichts, und nichts von den Schatten der Sonne. Vom Schweigen in den Schreien der Kinder hören wir nichts, und nichts vom Lärmen der Stimmen. Vom Brennen in den Weiten des Eises spüren wir nichts, und nichts von der Kälte im Vulkan. Weil wir die Lider nicht senken, die Ohren nicht verschließen. Weil wir nicht tasten, weil wir die Finger lassen davon.

Ganz am Anfang war das Wetter sehr schlecht, draußen tobte ein mächtiger Sturm. Dass es donnerte und hagelte hörte Herr G durchs geschlossene Fenster – und dunkel war es auch, wie manchmal in Novembernächten. Da jagt man doch keinen Gott vor die Tür, meinte Herr G. und zögerte. Schließlich trat er doch hinaus und der Himmel und die Erde klarten auf.

Wenn Herr G. gefragt wurde, vom Löwen etwa, der bekanntermaßen ein gewisses Ansehen bei Herrn G. genoss, oder von den Erzengeln, die trotz ihrer fortgeschrittenen Jahre ihre Neugierde durchaus nicht verloren hatten, warum er ausgerechnet in den Menschen so vernarrt sei, antwortete Herr G., nicht ohne etwas Röte auf den Wangen und einem stillen Lächeln dabei: Das ist eine lange Geschichte.

aus: Geschichten vom Herrn G., 2013


patientenverfügung
meine tränen
entfernt nicht
legt sie
wie das alte herz
in die schale
zu den bildern und geschichten
ich will sie noch vererben

aus: von weit, 2010


auf meiner ton
leiter da engel
herabsteigen

sehe ich die erde
offen

hier habe ich mein hunger
haus
bette ich die zunge auf
stein

aus: stimm bruch, 2010


doch sprich
sprich

aus schweigen
kannst du kein
gedächtnis bauen
und sei es bloß ruine
hütte ohne dach

und taugen deine worte
nicht zu mehr
so sprich
doch
sprich

aus: von weit, 2010


kopfstimme
dissonant
haupt und
brust
ton müssen auf herz
flimmern eingestellt werden
auf kammer
klang

aus: schatten ersatz, 2007


die sorgen
falten
ablegen
auf stapel
nach themen geordnet
nach dringlichkeit

auf wieder
vorlage
einige

aus: schatten ersatz, 2007


Ab und zu lädst du meinen Zweifel ein,
an deiner Tafel Platz zu nehmen.
Wenn du ihn genährt hast,
kommt er satt nach Hause,
ganz froh, dein Gast gewesen zu sein
und etwas zu gelten bei dir.

aus: Hörst du mein Schweigen? 2008